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Sonja Schurig • 12. Mai 2022

Lesetipp: Zwischen Zeiten von Marina Benjamin

Bücher zum Thema Wechseljahre finde ich mitunter schwierig. Oft sind sie als Ratgeber konzipiert. Und manchmal sucht man ja auch einen Rat. Aber manchmal eben auch nicht.


Die Journalistin Marina Benjamin fühlt sich nach der Entfernung ihrer Gebärmutter vom einen auf den anderen Moment in die Menopause katapultiert. Offen gewährt sie uns in ihrem Buch Zwischen Zeiten. Vom Verstehen der Wechseljahre Einblicke in ihre harte Auseinandersetzung mit dieser neuen Lebensphase.


In der Kontemplation ihrer Lebensmitte schaut sie sich ehrlich an, von innen und von außen. Ich habe den Eindruck, um sich selbst zu nähern. Stück für Stück seziert sie sich: Die Kapitel sind überschrieben mit "Organe", "Hormone", "Haut", "Muskeln", "Herz", "Eingeweide", "Zähne", "Kopf" und "Rückgrat". Spätestens die Überschrift des letzten Kapitels lässt die Verwobenheit von Körperlichkeit mit weiteren Lebensthemen vermuten. Durch Verknüpfungen schafft Benjamin einen Blick auf ihr Leben als Ganzes. Es kommen andere Frauen zu Wort. Benjamin erfährt sich in Beziehung zu Frauen wie Simone de Beauvoir, zur unkonventionellen französischen Schriftstellerin Colette oder zu Thelma Wilson, der Frau des amerikanischen Arztes Robert A. Wilson, der ab den 1960er Jahren einer der Fürsprecher der Hormonersatztherapie war.


Auch in den Beziehungen zu ihren Liebsten, Familie und Freunde, sind Alter und Tod Themen, die sich nach vorne drängen. 


Nicht so sehr in der Beziehung zu ihrem Mann, von dem sie sich unterstützt und getragen fühlt. Wenn er auch für die/den LeserIn ein bisschen blass bleibt. Ich gewinne den Eindruck, dass sich Marina Benjamin, trotz des intensiven

Austausches mit ihm, in ihrem Erleben der Wechselzeit von ihm entfernt fühlt. 


Ihre zwölfjährige Tochter scheint alles noch vor sich zu haben. Die Autorin fühlt sich ihr nah, auch im parallelen Ringen um die eigene Basis: Die Tochter am Beginn der Pubertät, die Mutter am Beginn der Wechseljahre. Aber wehmütig sieht sie Loslösung und Abgrenzung am Horizont. 


Die Beziehungen zu den eigenen Eltern werden abgeklopft nach losen Steinen, hinter denen die Themen Altern und Tod hervorkommen. Die Bitterkeit, die dem Leben innewohnt, kommt besonders im Gedenken an Kirsty, einer engen Freundin, der das Buch gewidmet ist und die sehr früh an Krebs gestorben ist, zum Ausdruck.


Durch die Hysterektomie fühlbar verändert und verletzt schaut Marina Benjamin also auf ihr Leben und lässt uns teilhaben an Trauer, an Wut und Schmerz. 


Inzwischen bestehe ich nur noch aus scharfen Kanten, wulstigen Tränensäcken, knotigen Gelenken. Mein Teint ist fahl und meine Haare sind stumpf vom permanenten Färben. Ich bin quasi überreif, wie Sommerblumen kurz vor dem Verblühen, und es wäre gelogen zu behaupten, dass mir diese Veränderungen nichts ausmachen würden (S. 15).


Der kleine Park, in den sie vom Schreibtisch aus sehen kann, dient als Metapher für ihr Erleben. Wir lernen ihn kennen, als er wild und zugewuchert, eine zauberhafte und dschungelähnliche Nische in der Großstadt darstellt. Schließlich beschließt die Stadt eine Umgestaltung:


Letztes Jahr ist die Stadtverwaltung in ihrer bürokratischen Weisheit endgültig der strengen Askese verfallen und hat verfügt, dass der Wilton Square an die Kandare genommen werden muss. Die üppige Fülle, der verschwenderische Luxus - die

sinnliche Fruchtbarkeit - erregte offenbar zu viel Anstoß, eine geradezu obszön aufdringliche Zurschaustellung von Reichtum angesichts Großbritanniens jüngster wirtschaftlicher Verelendung. Der Dschungel musste weichen (S. 240).


Es ist ein schmerzhaftes Abschneiden, Zurückdrängen. Nichts, was man sich selbst so gewünscht hätte. Ein Schmerz, der es einem fast unmöglich macht, hinzuschauen. Und eine Notwendigkeit, weiterzumachen. Schauen, was kommt. Worin

die Chance für die eigene Entwicklung liegt.


Und so schließt Marina Benjamin mit der versöhnlichen Betrachtung "ihres" Parks :


Ich lerne allmählich, die klareren Konturen des Platzes zu schätzen, seine abgespeckte, dezentere Form. Sein Ausdruck ist milder geworden, und er birgt eine neue Qualität von Leichtigkeit (S. 243).


Für mich ein einfühlsames Buch, das mich mitnimmt auf die Reise ins Innere eines sensiblen Gegenübers. Eine Frau, die sich ihrer neuen Situation stellt und mutig ihre Einsichten mit uns teilt.



Benjamin, Marina. Zwischen Zeiten. Vom Verstehen der Wechseljahre. Arche Literatur Verlag AG, Zürich-Hamburg. 2020.

Titel im englischen Original: The Middlepause. On Turning 50.









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